Die Wirtschaftswissenschaft hat lange beansprucht, aus übergeordneter Warte verbindliche Aussagen über die gesamte Wirtschaftsordnung zu treffen. Zwei Antworten prägen dieses Denken bis heute: Hayeks Skepsis gegenüber zentraler Steuerung und Keynes‘ These, dass sich eine Volkswirtschaft ohne aktives Gegensteuern nicht von selbst einpendelt. Der Vortrag führt in beide Denkschulen ein, stellt ihre Prämissen einander gegenüber und zeigt, wie die neoklassische Synthese schließlich zu einem gemeinsamen, mechanistischen Bild der Ökonomie findet. Vor diesem Hintergrund tritt eine jüngere Entwicklung hervor, die dieses Bild grundlegend infrage stellt: die empirische Wende der Wirtschaftswissenschaft und ihre Folgen für das Verhältnis von ökonomischem Denken und politischer Praxis.
Inhalt:
- Ökonomisches Denken in der Moderne – warum die Wirtschaftswissenschaft den Anspruch erhoben hat, aus einer Art übergeordnetem Standpunkt verbindliche Aussagen über die gesamte Wirtschaftsordnung zu treffen.
- Hayek: Die österreichische These, dass Wissen in einer Gesellschaft immer verstreut und lokal ist, und warum daraus eine grundsätzliche Skepsis gegenüber staatlicher Steuerung folgt.
- Keynes: Wie Keynes‘ Idee, dass wirtschaftliche Entscheidungen oft auf bloßen Erwartungen statt auf berechenbarem Wissen beruhen, die These begründet, dass sich eine Volkswirtschaft nicht von selbst einpendelt.
- Die Synthese und ihre Kosten – wie sich Keynesianer und ihre Gegner auf ein gemeinsames, mechanistisches Bild der Ökonomie geeinigt haben, das die Wirtschaft als aus wenigen Grundannahmen ableitbares, geschlossenes System begreift.
- Die empirische Wende: Vom großen Weltbild zur Einzelfallanalyse – der Abschied vom Anspruch, „das“ Wirtschaftsmodell zu kennen, zugunsten von kleinteiliger, evidenzbasierter Forschung und was das für das Verhältnis von Ökonomie und Politik bedeutet.
(Bildnachweis: Boccioni, Umberto. The Street Pavers. 1914. The Metropolitan Museum of Art, New York)